Expactivity

Dogdance, Flyball, Frisbee, Longieren, Zughundearbeit und andere Beschäftigungen mit dem Airedale
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Kolibri

Expactivity

Beitrag von Kolibri » So 20. Feb 2011, 21:27

Hallo an alle:

Bei meiner Vorstellung habe ich ja schon geschrieben, dass Bosco und ich einen Expactivity Workshop besuchen werden. Auf die vielen Anfragen dazu, konnte ich ja leider noch nicht wirklich reagieren.... aber jetzt ist es soweit. Gestern hat der Workshop stattgefunden.

Ich kann jetzt nur berichten, was wir gehört und wie wir es erlebt haben. Mir sind jetzt schon so viele Gedanken dazu in den letzten 24 Stunden durch den Kopf gegangen und ich hoffe, dass ich Euch hiermit einen interessanten Input für was Neues liefern kann:

Expactivity hat den Ursprung in der Arbeit mit Rettungshunden. Man wollte ein Trainingsgerät entwickeln, bei dem verschiedener Untergrund simuliert wird, damit sich die Hunde daran gewöhnen, selbstsicher und vorsichtig darüber zu laufen. Denn bei Einsätzen müssen sie ja auch in eingestürzte Gebäude, wo der Hundeführer nicht sehen kann, was auf den Hund zukommt.

Ich würde es jetzt einmal kurz als "Geräteturnen" für den Hund bezeichnen, bei dem der Hund höchstes Maß an Selbstsicherheit gewinnt und die Bindung zum Frauchen/Herrchen extrem gesteigert wird.

Bevor ich aber über die einzelnen Erlebnisse erzähle, muss ich noch das Gerät an sich erklären: Es besteht aus mehreren runden Podesten mit ca. 50 cm Höhe und ca. 1 Meter Durchmesser. Die Oberfläche ist entweder gummiert oder aus Holz. Diese Podeste stehen normalerweise in einem gewissen Abstand zueinander, sodass dazwischen "Stege" oder "Brücken" mit einer Breite von ca. 40 cm gelegt werden können (Ich sage jetzt einfach einmal Steg dazu). Zu Beginn ist ein Ende dieses Steges am Boden und das andere auf der Höhe des Podests und ergibt einen schrägen Aufstieg. Später werden die Stege von Podest zu Podest gelegt und der Hund muss über diese Stege laufen. Man kann auch zwei Podeste übereinander stellen, sodass alles Höher ist, aber das kommt sicher erst nach mehrmaligen Training.

Soweit so gut... ist ja einfach....nein ist es nicht, denn die Stege haben es in sich. Dabei gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsstufen. Der Anfänger-Steg ist ein Brett mit Löchern in unterschiedlichen Abständen und Anordnungen. Das heißt der Hund muss ganz genau schauen, wohin er tritt. (Nein, es wurde kein Tier verletzt und es ist keine Tierquälerei - vielleicht psychische, aber das stärkt ja meistens das Selbstbewusstsein).

Diese Stege gibt es dann noch in kniffligeren Ausführungen... eine Sprossenleiter mit Gummisprossen (mit Holz und Alu sind dann die nächsten Steigerungsstufen, da etwas rutschiger, aber die wurden beim ersten Mal noch nicht angewendet), ein Netz aus verknoteten Tauen (schon etwas wackliger) und eine Hängebrücke (das Monsterteil, das ich Bosco aber nicht angetan habe, beim ersten Mal).

So das ist die Grundausrüstung für Expativity und jetzt gings ans Training.
Bosco musste zuerst über den Steg mit den Löchern. Er war schon ganz aufgeregt, denn er dachte "Jipiiie die Agility-Saison hat wieder angefangen" und wollte schon auf den Steg aufspringen.... aber nichts da mit Agility hat es nichts zu tun. Denn hier zählt zuerst Konzentration, Genauigkeit, Langsamkeit, Vertrauen und "huch, was macht denn Frauchen da. Wieso hält sie mich unter meinem Bauch fest"....genau wichtig ist, dass man bei Expactivity am Anfang ganz eng mit seinem Hund zusammenarbeitet. Da die Stege ja heimtückisch sind, muss man den Hund zwingen, nicht einfach kopflos drüber zu laufen (was ja bei der Sprossenleiter sowieso am Ende des Podests aufgehört hat) und man muss den Hund von unten stützen, Halt und Sicherheit geben. Für die Besitzer mit den 8kg Hunden war dieser Part auch leichter... was mein heutiger Muskelkater im Rücken beweist. Deswegen ist Expactivty für Menschen mit Rückenproblemen nicht zu empfehlen.

Gut wieder zurück zum Steg. Diesen haben fast alle Hunde ganz gut gemeistert. Zu Beginn wird mit einem Leckerli gelockt. Je näher man dieser Leckerli über den Boden hält, umso leichter für den Hund. Einige und auch Bosco sind beim ersten Mal hin und wieder mit den Hinterpfoten in die Löcher getreten aber genau aus diesem Grund, muss man den Hund von unten stützen, damit er nicht einfach reinplumst und sich verletzt oder erschrickt. Ja was hat es denn da mit den Hinterpfoten auf sich.... Da Hunde (so wurde uns gesagt) hinten nicht sehen können, wissen sie nicht wirklich wohin sie treten und auf das kommt es auch bei diesem gerät an. Sie müssen sich voll konzentrieren und alle 4 Pfoten richtig aufsetzen. (Gut wenn ich Bosco zuschaue, wie er über eine vollgekackte Hundewiese tänzelt, meine ich, dass er schon genau weiss, wo seine Hinterpfoten landen). Beim zweiten Mal wurde er schon vorsichtiger und beim dritten Mal wurde jedes Loch gekonnt ausgelassen ohne dass ich ihn stützen musste.

Als nächstes kam für uns das Seil dran (nein kein einfaches Seil wie beim Seiltänzer. Vielleicht dann im 124. Fortgeschrittenen-Kurs). Das Seil hat sehr viele dicke Knoten, sodass der Hund eine gute Auftrittfläche hat... aber eigentlich ist es ein beweglicher Boden, der nur aus Löchern besteht. Hier bekam ich dann meinen Rücken zum ersten Mal zu spüren. 25 kg auf einer Hand abzustützen war nicht ohne. Bosco musste vom Podest aus ganz vorsichtig mit den Vorderpfoten auf das Seil. Es war ganz tapfer.... aber es wackelte und hat überall Löcher. Die Schwierigkeit war hier zum ersten Mal, dass sich der Hund überwinden musste auch mit den Hinterpfoten draufzusteigen. Wahnsinn wie sich einige Hunde strecken konnten. Mit den Vorderpfoten schon fast auf der anderen Seite und die Hinterpfoten noch immer am ersten Podest. Bosco war aber sehr mutig und tapfer (kennen wir ja von unseren ATs). Einmal mit allen Pfoten drauf ist er mutig und wackelig über das Seilgewirr balanciert. Um am Schluss sogar mit einen Satz zum Podest gehechtet. Dann gings gleich noch einmal zurück und schau an - es ging schon viel leichter. Beim zweiten Versuch war er spitze. Ich musste ihn kaum noch stützen und er war fast schneller beim zweiten Podest angelangt als ich. Retour war er schon fast unterfordert. Ich hatte das Leckerli vor seiner Nase und was macht mein Bosco: steht mitten am Seil und versucht mit der Pfote mein Leckerli aus der Hand zu schlagen. Der Trainer meinte nur: Das machen Hunde ganz selten... damit zeigen sie an: Mach hinne und gib mir das schon... außerdem ist diese Übung pillepalle und wann beginnt die nächste Steigerungsstufe. (Naja vielleicht wars nur ein Verkaufsspruch). Trotzdem war ich stolz.

Nach der Mittagspause gings weiter mit dem 3. Gerät. Man hat schon gemerkt, dass die Hunde sehr erschöpft waren... Na gut, das ist ja auch wahnsinnig anstrengend. Sowohl körperlich und auch kopftechnisch. Der Trainer meinte, dass man das normalerweise auch nur 10 Minuten pro Tag mit dem Hund machen sollte und erst nach einem halben Jahr regelmäßigen Training auf 25 Minuten steigern kann ... aber nachdem wir ja immer sehr lange Wartepausen dazwischen hatten, war das jetzt bei diesem ersten Trainingstag auch ok.

So das 3. Gerät war die gummierte Sprossenleiter. Die Sprossen sind fest und in einem regelmäßigen Abstand montiert. Je nach Größe der Hunde und Schwierigkeitsgrad kann man aber später die Sprossen auch verstellen, oder aber auch beweglich machen. Bosco war hier schon etwas vorsichtiger. Ich glaube aber auch, dass es an der schwindenden Konzentration und der Kraft lag. Aber trotzdem hat er sich einmal überwunden, mit allen 4 Pfoten draufzustehen, ging er langsam - sehr langsam und konstant weiter. Natürlich ohne Belastung meines Rückens wäre es nicht gegangen.. aber nach mehrmaligen Trainieren sollte man auch nicht mehr so viel unterstützend helfen müssen. Dieses Gerät haben wir dann auch nur einmal gemacht.

Man merkte dann auch schon wie alle Hunde nur mehr totmüde in allen Ecken eingeringelt auf ihren Decken schliefen. Deshalb - was ich gut fand - wurde auch der Workshop 1 Stunde früher als geplant beendet, denn mehr hätte man den Hunden an einem Tag nicht zumuten dürfen.

Wobei der Parson Russel meiner Freundin - gut der ist sowieso sehr quirlig und ein richtiger Klettermax - hat dann auch noch die Monster-Hängebrücke versucht. Diese bewegt sich und klappert auch noch... da kam dann auch der kleine Wicht an seine Grenzen.

Gut wie lautet unser Fazit zu dieser neuen Trainingsmethode: Da man mit dem Hund sehr eng - also Hauteng zusammenarbeitet und ihm Sicherheit gibt, wird die Bindung verstärkt. Der Hund lernt, dass er sich auf sein Frauchen/Herrchen verlassen kann. Gut ist es auch für sehr überdrehte Hunde, die lernen müssen, dass auch in der Ruhe die Kraft liegt. z.B: Agility ist für den Parson Russell meiner Freundin nichts, da er dann noch aufgedrehter würde, aber dieses Gerät hat ihm gezeigt, dass man auch langsam und konzentriert arbeiten kann.

Sehr gut soll es auch für Hunde sein, die etwas ängstlich sind. Wenn man behutsam umgeht, sich ganz langsam vortastet und nichts übertreibt, lernen sie den inneren Schweinehund zu überwinden und sich selbst mehr zuzutrauen. Gut zu sehen war das bei einer sehr ängstlichen Hündin. Als sie nicht mehr weiter wollte, hat der Trainer gemeint, dass sie noch einmal langsam zurück zum Podest geführt wird und nicht gezwungen werden soll, vorwärts zu gehen. Zurück am Podest konnte man es ihr richtig anmerken, dass sie es total blöd fand, es jetzt nicht geschafft zu haben, und sie wollte von sich aus gleich wieder aufs Seil.

Ich hoffe, ich konnte mit dem Bericht einen ersten Einblick verschaffen, sodass jeder sich ein eigenes Bild machen kann.

Ich bin jetzt schon gespannt, ob sich meine Hundtrainerin das Gerät, das wahnsinnig teuer sein soll, nun auch anschafft. Falls ja, werde ich sicher mehr darüber berichten können.

sijuto

Re: Expactivity

Beitrag von sijuto » So 20. Feb 2011, 22:03

Hi Kathrin,
Danke für Deinen tollen Bericht - ich war vorab schon neugierig gewesen und hatte ein bisschen danach gegoogelt. Dein Bericht bestätigt meinen Eindruck, dass es aus der Gerätearbeit der Rettungshunde entstanden ist.
Diese Art der "Arbeit miteinander" ist wirklich toll und für die Hunde wirklich anstrengend. Danke, dass Du uns so lebhaft an Deinen Eindrücken hast teilhaben lassen!
Eine interessante Beschäftigung ist das und da hatte jemand eine höchstwahrscheinlich lukrative Geschäftsidee ... (das ist jetzt nicht irgendwie abwertend gemeint).
Bosco ist klasse, dass er die verschiedenen Geräte so souverän gemeistert hat, ein schöner Vertrauensbeweis finde ich!
Liebe Grüße
Silke

Anneliese

Re: Expactivity

Beitrag von Anneliese » So 20. Feb 2011, 22:10

Moin Katrin,
Dein Bericht hat mir sehr gut gefallen und das würde ich auch gerne einmal mit Bente probieren.
Bei mir in der Nähe gibet son Schnickschnack leider nicht... :dog_rolleyes

Nun hoffe ich, dass Du am Ball bleiben kannst - und lungere auf ein Foto. :dog_biggrin

Im Winter, wenn keine Kinder anwesend sind und wenn keiner guckt - so wie neulich -
gehe ich mit Bente auf einen Kinderspielplatz in unserer Nähe (sie ist dann "entleert")
und dort auf ein Gerüst mit Hängebrücke.
Die Brücke würde sie alleine nicht überlaufen, aber wenn ich sie erst einmal mit einem Leckerlie rübergelockt habe,
bekommt sie Selbstvertrauen und wird sicher beim zweiten Lauf.
Leider kam dann ein aufgebrachter Familienvater aus irgendeinem Versteck heraus vorgeschossen und hat tüchtig
mit mir geschimpft, weil son Vieh ja nichts auf dem Spielplatz verloren hat...
Schade, denn solche Übungen sind auch sehr nützlich für Wandersleute.
Auch Treppen mit Metallrosten usw gehe ich überall mit Bente wo ich welche sehe.
Im letzten Urlaub gab es eine Metalltreppe zum Strand, die hatte so große "Metallmaschen", dass Bente erst nicht darauf
wollte - später war sie immer die erste oben und unten... :dog_biggrin

Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß bei Euren Aktivitäten :dogrun
Anneliese und Bente

Rover

Re: Expactivity

Beitrag von Rover » Mo 21. Feb 2011, 14:38

Hallo Kathrin,

das was hochinteressant.
Ich habe das Modell Airedale, das denkt, wenn die Vorderpfoten irgendwo drauf sind, kommt der Rest schon nach und einfach losrennt, rutscht, gleitet, stolpert und springt. Da war ich schon manchmal heilfroh, wenn er sich nichts getan hat. Vorsicht ist für Rover ein völliges Fremdwort, das hat uns in den Alpen schon manchmal Schwierigkeiten bereitet.
Naja, mittlerweile ist er 10, aber wenn es ihm komisch wird, hopst er immernoch, statt vorsichtig zu gehen. Und langsam schon garnicht. Je rutschiger und wackliger, desto schneller.
Der Kurs wäre genau was für uns gewesen! Gut, dass ich jetzt weiß, das es sowas gibt.

Hast Du eine Information, wie es mit alten Hunden ist - ob die sowas noch machen können/sollen?


Viele Grüße, Kerstin

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Re: Expactivity

Beitrag von Ulli » Mo 21. Feb 2011, 16:42

Hallo Kathrin,

möchte mich einfach nur bedanken! Das war ein toller Bericht, der Lust auf mehr macht!

Ulli

Kolibri

Re: Expactivity

Beitrag von Kolibri » Mo 21. Feb 2011, 20:24

Hallo:

Vielen Dank für das tolle Feedback. Ich dachte eher, dass viel kritischere Reaktionen kommen.
Ich möchte hiermit gerne erste Fragen beantworten.... sofern ich das überhaupt kann:

@ Kerstin: Uns wurde gesagt, dass es eigentlich für alle Hunde geeignet ist - sie dürfen nur nicht verletzt sein (d.H.: auch für Hunde mit HD ist es nicht empfehlenswert). Meine Hundetrainerin hat einen 9-jährigen Bearded Collie und mit ihm möchte sie das nun auch ausprobieren - beim letzten Mal war nur der Kurs ausgebucht.
Ich glaube, dass es gerade für fitte, ältere Hunde gut sein kann, da sie etwas für den Muskelaufbau machen, ohne dass es auf die Gelenke geht wie z.B. bei Agility.

Wie Du auch gesagt hast: sie dürfen bzw. können sich nicht schnell bewegen und trotzdem ist es anstrengend.

@ Anneliese: Mir wurde gesagt, dass im "Norden" auch ein Gerät steht.... super der Norden ist weitläufig und ich habe leider nicht nachgefragt, wo das denn genau ist, blöd von mir.... aber bei meiner Vorstellung habe ich den Link angegeben - durfte ich wahrscheinlich nicht (bitte nicht schimpfen :dog_mad ). Vielleicht findest Du dort die Info, ob es in Deiner Nähe ist.

Über die Hängebrücke könnt Ihr halt nur mehr heimlich :dog_ph34r , aber es ist schon ein toller Anfang und du würdest Dir mit Bente da sicher leichter tun.
Bosco geht auch über alles drüber. Die Metalltreppen mit den Löchern machen ihm überhaupt nichts aus. Er findet es vielleicht nicht lustig, aber er meckert nicht.

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